interviewt:

„Ich bin schon eher quer gebürstet“

,,Das ist aber ein schönes Bild!“ – Sätze wie diesen lassen Cornelius Rinne, 53, Illustrator und Künstler in Bielefeld, zusammenzucken. Über die Betrachtungsweise von Bildern, seine Arbeit und seine Ansichten zu Bielefeld erzählt er im folgenden Interview.

Hallo, Herr Rinne. Sprechen wir über Kunst. Neulich war ich mit Freunden in einer Ausstellung. Leider muss ich sagen, dass ich mit dem meisten nichts anfangen konnte. Rote Punkte auf blauem Hintergrund: Wo ist da die Kunst?

Dazu gibt es eine lustige Geschichte (grinst): Ein Student kam etwas zu spät auf eine Vernissage, die Bilder waren schlichte, blaue Flächen. Sein Kommentar zur Veranstalterin: ,,Oh, Sie haben die Bilder schon wieder abgehängt?!“

Mein Credo: Kunst sind die Geschichten, die ein Mensch in einer selbst erfundenen Sprache erzählt! Gute Kunst ist, wenn sie etwas beim Betrachter auslöst, ob nun positiv oder negativ. Der Künstler legt mit seinem Werk eine Spur. Entscheidend ist, wie der Betrachter diese Spur aufnimmt. Ein gutes Bild muss dem Menschen etwas mit auf den Weg geben. „Was passiert mit mir?“, sollte man sich fragen, nicht: ,,Was will mir der Künstler damit sagen?“

Was macht denn einen guten Künstler aus?

Ein guter Künstler muss seinen eigenen Ausdruck finden. Als bildender Künstler sollte er zeichnen können, um Dinge zu transportieren. So, wie ja auch ein Musiker sein Instrument beherrschen muss.

Wenn ich Menschen zeichne, dann finden bei mir Geschichten und Gedanken über diese Leute im Kopf statt. Und das fließt dann eben mit ein. Natürlich ist Begeisterung wichtig, denn nur so bleibe ich dran und werde besser.

Talent?

Vielleicht 5%.

Wie sind Sie denn zur Kunst gekommen?

Ich habe zuerst Grafik-Design und Kunst in Hannover studiert. Ich wollte aber kein „Diplom-Künstler“ werden, deshalb habe ich auch keinen Abschluss in Kunst gemacht. Stattdessen habe ich 1982/83 in einer freien Kunststudiengruppe bei dem berühmten Joseph Beuys mitgearbeitet, an seiner Free International University. Auf Beuys bin ich gekommen, weil mich vor allem seine Zeichnungen fasziniert haben. Und Beuys war ein quer gebürsteter Mensch, genauso wie ich.

Seitdem arbeite ich – abgesehen von einem Ausflug in die Industrie – als freier Designer und Künstler, bis vor vier Jahren in Krefeld.

Also sind Sie Neu-Bielefelder?

Meine Frau arbeitet seit fünf Jahren als Mode-Designerin bei einem nicht unbekannten Hersteller in Halle. Und ich habe jetzt mein Designatelier in Bielefeld. Ich finde diese Stadt total unterbewertet. Mir gefällt es hier hervorragend. Ich liebe den Teutoburger Wald, der sich mitten durch die Stadt zieht. Und ich liebe es, an dieser Botoxmeile hier ein geradezu südliches Flair zu genießen.

Botoxmeile?

Na, der Gehrenberg!

Sie sitzen ja fast täglich im Thumel und zeichnen. Was genau machen Sie da?

Eines meiner Projekte ist der Internetblog „Cornelius Moleskine“ (https://corneliusmoleskine.wordpress.com). Der lebt von meinen täglichen Einträgen und Beobachtungen. Und dafür brauche ich Nachschub, also zeichne ich sehr fleißig. Neben Alltäglichem suche ich auch schon mal nach Allegorien zu Themen der Zeit. Ich höre in die Gedanken des Gezeichneten hinein. Alles entsteht mit viel Freiraum für die Kreativität des Betrachters. Genau das ist Hauptanliegen für das gesamte Projekt.

Und dann gibt es noch Ihr „Gedankenbuch“.

Weil nicht jeder im Internet aktiv ist, gibt es viele Inhalte und Zeichnungen aus den Moleskinen jetzt auch in diesem Buch. Man kann es im Buchhandel oder über amazon oder buch.de kaufen.

Kann man Ihre Bilder und Zeichnungen denn auch kaufen?

Ja klar! Gerade eben hat die Bio-Bäckerei Meffert zum Beispiel fünf Orginale von Illustrationen bei mir für eine ihrer Filialen gekauft.

Eine Frage zum Schluss: Was möchten Sie den Menschen da draußen mit auf den Weg geben!

Da halte ich es mit Joseph Beuys: Ernährt Euch mit Kunst!

Vielen Dank für das interessante Gespräch!

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Das Interview führte mit mir Birte Sellmann für 1504 die Kaffeehauszeitung des Thumel1504 in Bielefeld

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3 Kommentare zu „interviewt:“

  1. Vielen Dank.
    Ich muss eine objektive Werkanalyse anfertigen und bin seit einiger Zeit auf der Suche nach einem geeigneten Werk. Sie haben mir gerade das Werk hierfür geliefert.

  2. Hallo.

    “ Ein schönes Bild “ oder einfach nur: “ schön “ – auch meine Lieblingskommentare 😉 Da könnte ich demjenigen gleich mal das Bild über den Kopf hauen. Vielleicht der letzte Weg, um nachhaltige Wirkung beim Betrachter zu erzeugen. *lach
    Bewirkt ein Bild, dass Sie vor Jahren, Monaten, Wochen bewegt hat, Sie noch heute ? Oder andersherum ?
    Noch eine andere Frage: Was ist ein Quergebürsteter oder was macht ihn aus ?

    P.S.: Einer der besten Künstler-Blog, die ich kenne ! Glückwunsch.

    1. 😀 Hallo Frau Schüssler,

      ja es gibt einige Bilder die mich unterdessen seit Jahrzehnten bewegen. Das für mich beeindruckenste ist die Erwartung von Richard Oelze ( http://kunstschau.netsamurai.de/wp-content/uploads/2007/10/richard-oelze-erwartung-1935-36-b.jpg ) Vor über einem Jahr konnte ich es in der Bielefelder Kunsthalle bestaunen und musste nicht nach New York. Die Gänsehaut hat sich bis heute nicht gelegt. Kennengelernt hatte ich es 1978. Bei einigen Beuys-Werken und bei fast allen Thielers geht es mir ähnlich.

      P.S.: Danke fürs Kompliment.

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