Herbstbeginn

Das Wetter ist schön und auch die Temperatur lädt zum Terrassenbesuch. Der Aussenbereich ist voll. Doch da sitzt sie. Sie hat sich nach dem Kalender gerichtet und den Pullover mit dem Plüschbesatz heraus geholt. Auch ihre Mine zeigt erste Züge in Moll. Ihr ins Leere gerichteter Blick lässt bereits jetzt die Unannehmlichkeiten und Melancholien der kalten Jahreshälfte erahnen. Ich rufe mir lieber Fontane und die süßen Birnen ins Gedächnis.

Bleistift auf Skizzenpapier 29 x 20 cm.

Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland,
Ein Birnbaum in seinem Garten stand,
Und kam die goldene Herbsteszeit
Und die Birnen leuchteten weit und breit,
Da stopfte, wenn’s Mittag vom Turme scholl,
Der von Ribbeck sich beide Taschen voll,
Und kam in Pantinen ein Junge daher,
So rief er: »Junge, wiste ’ne Beer?«
Und kam ein Mädel, so rief er: »Lütt Dirn,
Kumm man röwer, ick hebb ’ne Birn.«


So ging es viel Jahre, bis lobesam
Der von Ribbeck auf Ribbeck zu sterben kam.
Er fühlte sein Ende. ’s war Herbsteszeit,
Wieder lachten die Birnen weit und breit;
Da sagte von Ribbeck: »Ich scheide nun ab.
Legt mir eine Birne mit ins Grab.«
Und drei Tage drauf, aus dem Doppeldachhaus,
Trugen von Ribbeck sie hinaus,
Alle Bauern und Büdner mit Feiergesicht
Sangen »Jesus meine Zuversicht«,
Und die Kinder klagten, das Herze schwer:
»He is dod nu. Wer giwt uns nu ’ne Beer?«


So klagten die Kinder. Das war nicht recht –
Ach, sie kannten den alten Ribbeck schlecht;
Der neue freilich, der knausert und spart,
Hält Park und Birnbaum strenge verwahrt.
Aber der alte, vorahnend schon
Und voll Mißtraun gegen den eigenen Sohn,
Der wußte genau, was damals er tat,
Als um eine Birn‘ ins Grab er bat,
Und im dritten Jahr aus dem stillen Haus
Ein Birnbaumsprößling sproßt heraus.


Und die Jahre gingen wohl auf und ab,
Längst wölbt sich ein Birnbaum über dem Grab,
Und in der goldenen Herbsteszeit
Leuchtet’s wieder weit und breit.
Und kommt ein Jung‘ übern Kirchhof her,
So flüstert’s im Baume: »Wiste ’ne Beer?«
Und kommt ein Mädel, so flüstert’s: »Lütt Dirn,
Kumm man röwer, ick gew‘ di ’ne Birn.«


So spendet Segen noch immer die Hand
Des von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland.

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Autor: illuman

Art are the processes that a person is documenting in a self-invented language! Come on and see my documents.

6 Kommentare zu „Herbstbeginn“

  1. Fontane! Und seine Birnen! …
    Und meine Volksschulzeit, die zum Teil scheußlich war. Gedanken im Herbst (in meinem Herbst): Wo Kinder sich vor Angst in die Hose machten (nein, nicht ich, aber anderen ist ‚es‘ passiert), wo Kinder geschlagen wurden, da war es nicht schön, da brachten auch Gedichte nichts, auch nicht diese Birnen des Herrn X.

    1. Der Herr Ribbek gehört aber doch in die 7. Klasse, da war die Volksschule doch lange vorbei. Außerdem ist er doch ein Paradebeispiel für einen Humanisten. Wissend das die Birnen in Nachbars Garten am besten sind gab er sie gerne hin.

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